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Auf halber Strecke liegen geblieben

REST DER WELT / WIEN / IDOMENEO

09/10/14 Die letzte Wiener Produktion des „Idomeneo“ liegt nicht einmal ein Jahr zurück und fand im Theater an der Wien statt. Dazumal leitete René Jacobs das glasklar und wach musizierende Freiburger Barockorchester. Jetzt in der Staatsoper am Pult der Philharmoniker: Christoph Eschenbach.

Von Oliver Schneider

Damiano Michieletto verortete den Vater-Sohn-Konflikt im Theater an der Wien in einer schwarzen Erdwüste mit herumliegenden Stiefeln und Stühlen als Zeichen für die Seelenkonflikte der Protagonisten. Beim dänischen Regisseur und Chef der Royal Opera Covent Garden London Kasper Holten und seinem Ausstattungsteam (Bühne: Mia Stensgaard, Kostüme: Anja Vang Kragh) spielt er sich in einem nüchternen, nach oben durch eine Art Bilderrahmen begrenzten Raum ab. Zu den Klängen der Ouvertüre verabschiedet sich Idomeneo von seinem kleinen Sohn, bevor er in den Trojanischen Krieg zieht. Dabei steht er auf einer Landkarte seiner Insel Kreta, die für den Zuschauer im vom Schnürboden herabhängenden Spiegel sichtbar wird.

Das szenische, bestimmt repertoiretaugliche Konzept ist damit für die nächsten dreieinhalb Stunden erschöpft, sieht man mal von der seltsam zusammengeflickten Neptunstatute im letzten Akt ab. Während Michieletto 2013 eher zu viele Ideen in sein Regiekonzept einbaute, sind es bei Holten zu wenige. Und was es bringt es, wenn die gefangenen Trojaner zu Beginn vom Schnürboden herabhängen und Illia in luftiger Höhe ihre erste Arie singen muss?

Christoph Eschenbach und Holten haben für diese Staatsopernproduktion – die letzte war 2006 in Koproduktion mit dem Theater an der Wien herausgekommen – die einzelnen Nummern teilweise neu zusammengesetzt und die verschiedenen Fassungen gemischt. Illia und Idamante bekennen bereits im zweiten Akt ihre Liebe zueinander, was die Handlung stringenter macht. Ein Seemonster muss auch nicht bekämpft werden. Stattdessen steht das Ungeheuer als Symbol für den zwischen Machtwillen und Liebe zu seinem Sohn hin- und hergerissenen König. Die Idee ist gut, nur bleibt sie auf halber Strecke liegen, denn der Regisseur formt die vier Protagonisten zu wenig psychologisch durch. Häufig bleiben den Solisten deshalb nur die alten Operngesten, die so gar nicht zu jungen Sängerinnen wie Margarita Gritskova und Chen Reiss passen wollen. Wenn die beiden zu Beginn des zweiten Akts mit „S’io non moro a questi accenti“ ihre Liebe zueinander bekennen, wirkt es, als ob sich zwei Menschen mit artiger Distanz begrüßen. Etwas überzeugender gelungen ist der an Handlung reichere dritte Akt, wenn das Volk den alten Herrscher geradezu zur Wahl und damit zum Abdanken zwingt, um Platz für das junge Herrscherpaar Idamante und Illia zu schaffen.

Kasper Holtens Inszenierung täte nicht stören – wäre da eine spannende musikalische Deutung. Doch auch das, was aus dem Orchestergraben erklingt, lässt sich nur als routiniertes Spielen eines Orchesters bezeichnen, das unter anderer Leitung zu anderem fähig ist.

„Idomeneo“ ist Eschenbachs vierte Mozart-Oper innerhalb von zwei Jahren in Wien respektive Salzburg, und richtig glücklich war man bereits mit „Così fan tutte“ nicht geworden. Etwas mehr schien ihm im letzten November „Die Zauberflöte“ in Wien zu liegen. Aber schon das im Programmheft abgedruckte Interview mit Kurzantworten des Maestros lässt Zweifel aufkommen, ob das innere Feuer für den „Idomeneo“ bei ihm nicht zu schwach lodert. Am meisten Eindruck hinterlassen die lyrischen Passagen, was zu einem großen Teil auch den sauber intonierenden Holzbläsern zu verdanken ist („Se il padre perdei“!).

Gut bis sehr gut ist hingegen das Ensemble. Im Mittelpunkt steht die junge Russin Margarita Gritskova als Königssohn Idamante. Schon in ihrem „Non ho colpa“ überzeugt sie mit ihrem volltönenden, dunkel timbrierten Mezzosopran und perfekt verblendeten Registern. Ein Gewinn ist in dem Fall auch, dass sie das für Wien nachkomponierte „Non temer amato bene“ vortragen darf (Solovioline: Rainer Küchl). Fast auf dem Niveau kann Chen Reiss mithalten. Sie gefällt mit beweglich, schlanker und in allen Lagen ausgeglichener, wenn auch kleiner Stimme.

Maria Bengtssons Rollen- und Hausdebüt als verschmähte Elettra gelingt darstellerisch zurückhaltend, dafür musikalisch differenziert. Wenn sie im zweiten Akt mit lyrischer Emphase um die Zuneigung Idamantes fleht ( „Idol mio, se ritroso“), liegt ihr das mehr als die virtuose Schlussattacke in „D’Oreste, d’Aiace“. Michael Schade liefert eine reife und glaubwürdige Interpretation des innerlich zerrissenen Königs. Stimmlich merkt man Schade jedoch an, dass auch an ihm trotz kluger Rollenwahl die Jahre nicht spurlos vorbeigegangen sind. Von Pavel Kolgatin als Arbace würde man gerne auch die gestrichenen Arien hören. Zu wenig dramatisch ist der Oberpriester von Carlos Osuna, sonor und für einmal in persona erscheinend gibt Sorin Coliban die befreiende Stimme. Thomas Lang hat den Chor des Hauses gut einstudiert.

Höflicher, kurzer Schlussapplaus eines aus Abonnenten und Touristen zusammengesetzten Publikums nach der zweiten Vorstellung einer Produktion, die jedem mittelgrossen Opernhaus zur Ehre gereichen würde. Für die Staatsoper ist das zu wenig.

Weitere Vorstellungen bis 16. Oktober - www.staatsoper.at
Ö1 überträgt die Aufführung am kommenden Samstag (11.10.) ab 18.30 Uhr live aus der Staatsoper
Bilder: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

 

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