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Nicht daß ein Engel eintrat erschreckte sie

MATTSEER DIABELLI SOMMER / ZUM AUFTAKT

12/06/14 Die „Festliche Eröffnung“ des Mattseer Diabelli Sommers heute Donnerstag (12.6.) gilt dem Komponisten-Ehepaar Clara und Robert Schumann. Morgen Freitag (13.6.) steht mit Paul Hindemiths Liederzyklus „Das Marienleben“ eine ausgewachsene Rarität auf dem Programm - aufgeführt von Maya Boog und Michael Lakner, die bereits mit ihrer gemeinsamen Einspielung von sich reden gemacht haben.

Von Heidemarie Klabacher

Die Gedichte, die der „Winterreise“ oder der „Schönen Müllerin“ zugrunde liegen, wären ohne die Vertonung Franz Schuberts als brav geschmiedete Verse längst in Vergessenheit geraten. Ganz anders die Texte, die Paul Hindemiths „Marienleben“ zugrunde liegen: Die hat Rainer Maria Rilke geschrieben – und sie sind so ätherisch und zugleich kunstvoll, wie alles, was der begnadete Dichter hinterlassen hat. Großes Risiko, solche Lyrik, die die Musik schon in sich trägt, zu vertonen. Leider - und ganz zu Unrecht - ist in diesem Falle die Vertoung ziemlich vergessen.

Nicht daß ein Engel eintrat (das erkenn),
erschreckte sie. Sowenig andre, wenn
ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht
in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht,
auffahren -, pflegte sie an der Gestalt,
in der ein Engel ging, sich zu entrüsten...

Niemand erschrickt, wenn ein Sonnenstrahl oder bei Nacht der Mond sich in einem Zimmer „zu schaffen macht“. Das muss einem einfallen… Auch Maria ist nicht erschrocken wegen der Gestalt des Jünglings, der sich da plötzlich vor ihren Augen materialisiert hat. Erschreckt hat sie ganz was anderes, nämlich 

daß sein Blick und der,
mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen
als wäre draußen plötzlich alles leer
und, was Millionen schauten, trieben, trugen,
hineingedrängt in sie: nur sie und er;
Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide
sonst nirgends als an dieser Stelle – sieh:
dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.
Dann sang der Engel seine Melodie.

Schon sehr fromm - aber zugleich so abstrakt, dass es fast schon wieder modern ist - sind die Texte Rainer Maria Rilkes. Insgesamt 15 Szenen aus dem Leben Marias hat er in feinste ätherische Wortgeschmeide gefasst von Geburt und Verkündigung, über die Geburt und Passion Jesu bis hin zu Marias Tod

Paul Hindemith hat Jahrzehnte lang um seinen Marienlieder-Zyklus nach Rilke-Texten gerungen. Die erste Version entstand bereits 1922/23, kaum ein Jahrzehnt nach den Texten und noch zu Lebzeiten des Dichters. Damals war Hindemith ein ‚junger Wilder, ja ein ‚Bürgerschreck’, der mit seinen freitonalen Musikdramen Aufsehen erregte. Die Faszination des Religiösen war freilich bereits vorhanden, auch wenn sie sich wie in der Oper ‚Sancta Susanna’ in höchst expressionistischer Weise äußerte.“

Das schreibt Gottfried Franz Kasparek, der Künstlerische Leiter des Mattseer Diabelli Sommers, im Almanach des Festivals über einen faszinierenden und viel zu selten aufgeführten Liederzyklus.

Beim Mattseer Diabelli Sommer nehmen sich zwei Künstler, die bereits mit ihrer gemeinsamen Einspielung von sich reden gemacht haben, erneut der fünfzehn Kleinode an. Es sind die Sopranistin Maya Boog und der Pianist Michael Lakner. Über ihre im Vorjahr erschienene CD schreibt das Fonoforum: „Nach der geradezu bezwingenden Einspielung des Liederzyklus ‚DasMarienleben’ - das ist eines der Hauptwerke Hindemiths auf 15 Gedichte von Rainer Maria Rilke - durch Soile Isokoski und Marita Viitasalo legen nun Maya Boog und Michael Lakner ihre Interpretation vor, der man vielleicht mit Skepsis begegnen möchte. Diese Skepsis, das sei mit allem Nachdruck betont, verwandelt sich sogleich in Begeisterung! Boog und Lakner legen eine Einspielung vor, die in jeder Hinsicht eine alternative Interpretation auf gleichem Niveau dieses außerordentlich komplexen, schwierigen Werkes bietet. … Es ist bewundernswert, wie sehr Boog und Lakner den Hörer zu einem konzentriert-aufmerksamen Lauschen verführen können, indem sie ihn gewissermaßen gewaltlos in die Wirkung der Musik hineinziehen.“

Heute Donnerstag (12.6.) ist um 20 Uhr in der Stiftskirche Mattsee die Festliche Eröffnung des Mattseer Diabelli Sommers mit Werken von Clara und Robert Schumann. Es spielen Lukas Hagen, Michaela Girardi, Veronika Hagen, Enrico Bronzi, Gülru Ensari und Herbert Schuch.
Morgen Freitag (13.6.) um 20 Uhr steht der Liederzyklus „Das Marienleben“ op. 27 von Paul Hindemith auf dem Programm. Es singt Maya Boog begleitet von Michael Lakner - www.diabellisommer.at
Bilder: Mattseer Diabelli Sommer

 

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