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Zur Freiheit…

GRAZ/ STYRIARTE / FIDELIO

16/07/18 „Wenn es solche Menschen gibt, wird irgendetwas besser.“ Die siebzehnjährige Alla Jerhade hat eine „klassische“ Flucht aus Syrien samt Schiffsbruch überlebt, im Gegensatz zu vielen ihrer Mit-Flüchtlinge. Die Menschen hier in Europa seien viel netter, sagt Alla Jerhade, „wie Familien…“ Beethovens „Fidelio“ unter Andrés Orozco-Estrada szenisch bei der Styriarte.

Von Heidemarie Klabacher

Sechs Video-Interviews mit Flüchtlingen, die derzeit in Graz und Wien leben, hat Thomas Höft, der Chefdramaturg der Styriarte, in die aktuelle Fidelio-Produktion der Steirischen Festspiele eingeschnitten. Originaldialoge gestrichen. Plot erzählt. Über recht bemühte Überleitungen des Erzählers wurden die Schicksale der Asylsuchenden mit dem Opernstoff verknüpft: Das junge Paar Jemshed und Anita floh aus Afghanistan, weil Anita zwangsverheiratet werden sollte. Um die Flucht zu finanzieren, hat Jemshed den Schmuck seiner Mutter gestohlen. Er schämt sich sichtlich noch heute dafür. Und es mutete nicht wenig befremdlich an, als Kerkermeister Rocco auf diese bewegende Geschichte hin anhob zu trällern „Hat man nicht auch Gold bei neben…“

Taktvoller gelang die Verknüpfung des beklemmenden Folter-Berichts von Karan aus Sri Lanka mit Florestans Rezitativ und Arie „Oh welch‘ ein Dunkel hier...“ Flüchtlings-Schicksal als Opern-Versatzstück? Eine mindestens zwei-schneidige Sache.

Keine solchen Fragen offen ließ die Musik. Das styriarte Festspiel-Orchester unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada stürzte sich mit Verve in die Beethoven’schen Exaltiertheiten. In den Ensemble-Einleitungen öffnete Orozco-Estrada aber auch große ruhevolle Räume für weite Linien und sich schillernd ausbreitende Klangfarben.

In der Titelrolle überzeugte Johanna Winkel als Fidelio-Leonore. Ihr Sopran spannte sich mit Kraft und Glanz souverän über alle Lagen. Das gilt ebenso für die Sopranistin Tetiana Miyus, die die Rolle der Marzelline mit quirligem Leben erfüllte - bis sie mit der Enthüllung des wahren Geschlechts ihres angebeteten Fidelio vor den Scherben eines ganzen künftigen Lebens stand.

So geschmeidig Jan Petryka die Rolle des verschmähten Jaquino gestaltet hat: Die Rückkehr in die alte Beziehung zu ihm wird Marzelline in den seelischen Untergang führen. Neben Alla Jerhades Aussage im Video war die Erstarrung Marzellines der zweite bewegende Moment.

Der Tenor Johannes Chum kämpfte als Florestan gegen Unrecht und Verrat - und gegen die Tücken der Höhe und Dramatik seiner Partie. Gewohnt klangschön und reich timbriert gelangen ihm die wenigen ruhigen Momente. Jochen Kupfer wusste sich als Don Pizarro darstellerisch gar nicht einzukriegen vor lauter Bos- und Gemeinheit, sängerisch wusste er sein Poltern und Drohen dagegen präzise und überzeugend zu dosieren. Adrian Eröd gab einen in jeder Hinsicht eleganten Don Fernando, einen Vollblut-Populisten – die eigene Wirkung im Blick und sonst nichts. Thomas Stimmel als Kerkermeister Rocco überzeugte mit klangfarbenreichem, schlank in die Tiefe geführtem Bass. Ein nachdenklicher Pflicht-Erfüller. Feig, wie wir alle?

Bilder: Styriarte/Werner Kmetitsch

 

 

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