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Lesen als Form der Verheißung

LITERATURFEST SALZBURG / FRANK WITZEL

24/05/18 Sein Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ gilt als „genialisches Sprachkunstwerk“, als „hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia“. Dafür wurde Frank Witzel, Jahrgang 1955, mit dem Robert-Gernhardt-Preis und dem Deutschen Buchpreis 2015 ausgezeichnet. – Hier Frank Witzels Text aus dem Programm-Booklet.

Von Frank Witzel

Als folgenlose Gedankenspiele habe ich die Theorie auch damals nicht empfunden, eher als Verheißung, als Möglichkeit, dem eingekastelten Leben und natürlich der Provinz zu entkommen. Denn nachdem die Pfarr- und Stadtteilbibliotheken quasi leergelesen waren, musste ich in die Stadt nach Wiesbaden fahren, wo sich ein neues, aktuelles Feld eröffnet. Da finde ich meinen ersten Peter Handke, den ich mir kaufe, und den ich nicht verstehe, und von dem ich fasziniert bin, weil ich ihn nicht verstehe: Begrüßung des Aufsichtrats. Das waren noch Texte, die sich ausprobierten, eher im Sinne Heißenbüttels. Dann die edition Suhrkamp, Bibliothek Suhrkamp, stw gab es noch nicht damals, wo Celan zwischen Marcuse und Adorno stand und für mich ununterscheidbar angenommen wurde. Ich habe nicht gesagt, das ist jetzt Theorie und das ist Lyrik - ich spitze das jetzt ein bisschen zu -, sondern habe einfach geschaut, was gibt es da. Und diese Unverständlichkeit, die mir in der Literatur entgegen kam und diese auf andere Weise Unverständlichkeit der Theorie waren für mich beides absolute Momente der Verheißung: ich begreife es nicht, spüre aber, dass da etwas drinsteckt. Das hat mich überhaupt zum Lesen gebracht. Ich glaube, dass es so einen Punkt geben muss, der einen vom kindlichen Lesen, dem Schneider Jugendbuch, den Heftchen oder was auch immer, zum erwachsenen Lesen führt. Dass man beim Lesen bleibt, wie man auch beim Musikhören bleiben muss. Es gibt ja viele, die irgendwann mit dem Musikhören aufhören, wenn sie meinen, erwachsen zu sein, oder mit dem Lesen, wenn sie mit dem Studium fertig sind. Damit man dranbleibt, braucht es eine Form der Verheißung.

Aus: Philipp Felsch, Frank Witzel: BRD NOIR. Die Ungleichzeitigkeit von Biografie und Geschichte, Matthes & Seitz Berlin 2016

Mit freundlicher Genehmigung des Autors, des Verlages und des Literaturfestes Salzburg

Das Literaturfest Salzburg dauert noch bis 27. Mai – Frank Witzel tritt mit Helmut Lethen und Edit Schlaffer am Freitag (25.5.) in den Kavernen 1595 auf – www.literaturfest-salzburg.at
Bild: LFS/Maja Bechert

 

 

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