asdf
 

Ein Panoptikum unserer fliehenden Wirklichkeit

RAURISER LITERATURPREIS / WEISS / AM WELTENRAND SITZEN DIE MENSCHEN UND LACHEN

26/03/19 Fünf Bände. 1064 Seiten. Ein Roman: In Form von Enzyklopädie, Erzählung, Notizheft, Audiotranskription und Comic erzählt Philipp Weiss von der Verwandlung der Welt durch den Menschen im Anthropozän. Für das „gewichtige Statement aktueller Literatur“ erhält der Autor den Rauriser Literaturpreis 2019. – Hier eine Leseprobe.

VON PHILIPP WEISS

Nach dem lang ersehnten Ende der Pensionatszeit, die jenes Ich, um das es hier gehen soll, bei den Sœurs de la Congrégation de Notre-Dame du Grandchamp in Versailles verbracht hatte, nach einer Zeit also des frommen Studiums, das auf ein Leben als Hausfrau und Mutter vorbereiten sollte, das sich aber im Innern der Pensionärin als eine ausgedehnte Periode der Langeweile und des Überdrusses darstellte, erwartete die junge Frau – sie war gerade 17 geworden – eine Rückkehr in das Haus der Eltern nach Paris. Ihr Vater aber hatte mit ihr andere Pläne. Er verweigerte ihr die Heimkehr und schickte sie nach Yerres zu ihrer kranken Großmutter. In dieser Zeit des erlebten Exils entstanden die ersten Einträge in das Tagebuch. Erst zögerlich, doch bald schon in jenem Fieber, das die kommenden Jahre bestimmen sollte.

AÈRONAUTIQUE (Aeronautik) — 1. Nun endlich kann ich sie aufschreiben in der Hoffnung, sie dadurch zu bewahren und von der kindlichen Angst schließlich erlöst zu werden, ich könnte sie eines Tages einfach vergessen. Wie oft habe ich mir die Geschichte bereits selbst wiederholt, abends, vor dem Einschlafen – und meine Gliederpuppe damit entsetzlich gelangweilt! –, seit Onkel Eugène sie mir das erste Mal erzählte, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich glaube Tausende Male! Und doch kommen mir Zweifel, ob die Geschichte noch immer dieselbe ist, ob ich nicht doch da und dort, wo meine Phantasie mich forttrug oder mein Gedächtnis mich im Stich ließ, etwas hinzu- oder fortfabulierte. Denn sie scheint mir so gar nicht nach der Wirklichkeit gestaltet, sondern vielmehr wie ein Märchen und beinahe so, als hätte ich es selbst erfunden, um mich wieder und wieder daran aufzurichten – die Geschichte meiner Urgroßmutter Marie Madeleine Sophie Blanchard, der Aeronautin des Kaisers.
2. Und es sind zwei Bilder, die sich in mir überlagern, die sich im Laufe der Jahre in meiner erregten Phantasie ausgestaltet haben, immer weiter und dringlicher, und die mir nun nicht mehr aus dem Kopf wollen! Das erste zeigt den aufsteigenden Ballon in jener Nacht über dem Jardin de Tivoli, diese ungewöhnlich kleine Charlière, aus weißem, reich besticktem Seidenzeug genäht, ein prächtiges Luftgefährt, das über Paris steht wie Phaetons Sonnenwagen. Die Gondel besteht alleine aus einer silbernen Schale, die es erlaubt, die strahlende Gestalt der Aeronautin während des Aufstiegs beinahe zur Gänze zu betrachten. Wie ein Engel sieht sie aus, als sie da in den Himmel steigt, in ihrem weißen, sich in Falten legenden Kleid und dem mit einer Straußenfeder geschmückten Hut, diese kleine Frau, zierlich wie ein Kind, doch von einer entrückten, sphärischen Schönheit, die etwas von einem Vogel an sich hat, mit ihrer etwas spitzen Nase und den kleinen, dringlichen Augen. (Ich muss diese wohl von ihr haben!) In ihrer Hand hält sie eine weiße Fahne, die im Wind heftig flattert. Und während der Ballon noch in den finsteren Nachthimmel aufsteigt, findet sich die gesamte Erscheinung erleuchtet durch die in einer Strahlenkrone unterhalb der Gondel angebrachten bengalischen Feuer. Sie, die bereits ohne dieses prächtige Kostüm, stieg sie mit ihrem Ballon hinab in ländliche Gebiete, von den unwissenden Bewohnern für die heilige Maria gehalten wurde, steht nun, in diesem ersten Bild, vor mir als eine wahrhaft übermenschliche Erscheinung.

[…]

– 1 –
Nur ein einziges Mal zuvor habe ich eine solche Stille erlebt.
Es war in der Eiswüste der grönländischen Arktis, am Nordrand der Welt, auf der Reise nach Siorapaluk, jener letzten Siedlung der bewohnbaren Zone, der nur noch Eis folgt, Eis, und in etwas mehr als tausend Kilometern der Nordpol. In jener Zone, in der die Sonne während der viermonatigen Polarnacht kein einziges Mal über den Horizont steigt, in einem Gebiet, das über Wochen in völliger Dunkelheit liegt. Es war eine mir unbekannte Stille, die alles in sich aufnahm, die so absolut war, dass mich Panik befiel, schiere Angst, da ich meinte, gerade leibhaftig das Nichts einzuatmen, eine allem zugrunde liegende Abwesenheit, in der ich mich so alleine fühlte wie nie zuvor. Das Eis bewegte sich in dieser Jahreszeit beinahe nicht mehr, es ging kein Wind, die Luft war klirrend kalt und klar, die Erde hatte aufgehört, sich zu drehen, und war erstarrt. Ich war dieser Stille ausgeliefert, schutzlos, und auch die zahlreichen Schichten und Überzüge aus Bärenfell, die ich mir von einem Jäger der Inuit geliehen hatte und die mich vor der Kälte bewahren sollten, konnten dem nichts entgegensetzen.
Ich war nicht allein. Chantal war da. Sie stand neben mir, und so begann ich mich aus meiner Erstarrung zu lösen, mich unbeholfen an sie zu klammern, so fest ich nur konnte. Doch auch sie war von dieser Leere wie behext, entrückt und für mich unerreichbar. Mein Rütteln, mein Flüstern half nichts. Ich glaube, dass mir die Tränen auf der Wange festfroren. Chantal, die ich lange hatte überreden müssen, mich auf dieser Reise zu begleiten, schien nun verschluckt von dieser Welt, in der, wie sie später einmal sagte, das Denken kristallin wird und durchsichtig, bis es sich seiner eigenen Auflösung entgegentreibt. In kürzester Zeit hatte sie den Brauch der Einheimischen übernommen, über weite Strecken des Tages, oft über Stunden, zu schweigen. Ich bereute es, sie mitgenommen zu haben.

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags

Philipp Weiss: Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen. Roman. Suhrkamp, Berlin 2018. 1064 Seiten, 49,40 Euro - www.suhrkamp.de
Philipp Weiss erhält morgen Mittwoch (27.3.) im Rahmen der Eröffnung der Rauriser Literaturtage den Rauriser Literaturpreis 2019 und liest aus seinem Roman "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" - www.rauriser-literaturtage.at
Bild: Suhrkamp / Max Zerrahn

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014