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Musik für Hörer, nicht für Versteher!

GASTKOMMENTAR

29/10/13 Es gab und gibt wieder einmal rechten Hickhack um die Salzburg Biennale. Gerhard Wimberger, als Neunzigjähriger der Doyen der Salzburger Komponistenzunft, mag gar nicht um Besucherzahlen, Freikarten und Erlöse diskutieren. Er will, was die Anziehungskraft und Qualität der Neuen Musik anlangt, nicht zuletzt seine Kollegen in die Pflicht genommen wissen.

Von Gerhard Wimberger

Der die Realität treffend beschreibende Kommentar von Reinhard Kriechbaum zum Thema „Salzburg Biennale“ gibt Anlass, ein wenig in Unter- und Hintergründen des heutigen Musiklebens zu schürfen. Es geht dabei nicht um Kosten-Nutzen-Rechnung der Biennale, nicht um das Verhältnis von verkauften und Gratiskarten, nicht um die Frage, ob Salzburg Provinz- oder Weltstadt ist, nicht um eine auch die Musik erfassende angebliche „Feindlichkeit gegen alles Fremde“. Nein.

Als neugieriger, aber nicht nach „Neuem gieriger“ Komponist zählte ich zu den allerersten Österreichern, die sich in Donaueschingen oder Darmstadt über neue Entwicklungen informierten. Schon damals begann sich die Sorge zu regen, dass anspruchsvolle neue Musik (E-Musik) auf ein Feld gerät, dessen Bestellung sich selbstsicher Programmierende mit ähnlich einseitiger, fast zur Ideologie gewordener Rezeptionshaltung sicherten. Doch auf dem Feld fehlte Entscheidendes – nämlich jenes Interesse aufgeschlossener und kulturinteressierter Menschen, das sich in Eintrittskartenkauf und Besuch der Veranstaltung realisiert. Die Situation hat sich nach einem halben Jahrhundert nicht in wirklich befriedigendem Ausmaß verbessert.

Das Engagement intellektueller Innovateure übersieht, dass Musik kein nur gedanklich fassbares Medium darstellt, nicht nur aus „Material“, sondern aus Klang besteht. Sie ist ein sich an die Sinne richtendes akustisches Phänomen, das gehört werden will und damit im Geist des Menschen etwas Unersetzbares wird. Musik richtet sich an Hörer, nicht an Versteher. Das Hirn kann eine mathematische Formel oder eine philosophische Abhandlung verstehen. Musik nur „verstehen“ ist zu wenig. Und damit bin ich mittendrin im Problem „Neue bzw. neue Musik“ und „Salzburg Biennale“.

Man sollte die Frage nicht weiter unter den Redaktionstisch kehren: Liegt es nur an der Indolenz der lediglich am Schifahren interessierten Salzburger, dass sie nicht in Scharen zu den Biennale-Darbietungen – und ähnlich ausgerichteten Festivals in aller Welt – strömen? An mangelnder medialer Information und Werbung liegt es, erfreulicherweise anders als früher, sicher nicht. Und bei der hervorragenden Qualität der interpretierenden Künstler schon ganz bestimmt nicht. Also woran?

Die Antwort ahne ich seit Jahrzehnten: Es liegt am zentralen Element einer Musikveranstaltung, nämlich an den Werken, die in solchen nur „Zeitgenössischem“ gewidmeten Konzerten programmiert werden. Es liegt an der Musik. In Stichworten sei skizziert, was mir als einem mit der konfusen Geschichte der E-Musik seit vielen Jahren passiv und aktiv höchst vertrauten Komponisten auffiel und (Präsens) missfällt: Die klanglich sorgsam abwägende Wahl der Tonhöhen (damit der Melodik und Harmonik bestimmenden Intervalle) verliert fatal an kompositorischer Bedeutung. „Müßiggang ist aller Cluster Anfang.“ Der Parameter Rhythmus gerät in vielen Werken zu einem stets gleich undurchhörbaren Schichtennetz, in dem sich der Hörer hilflos verfängt. Bei der fomalen Gestaltung scheinen manche Kollegen zu wenig daran zu denken, dass musikalische „Form“ aus dem Fügen von Spannungsverläufen entsteht, ein Gestalten, das psychologische Auf­nah­mefähigkeit und Phantasie des Hörers einkalkuliert und damit Spannung in der Großform fühlbar macht.

Dieser heute in vielen Werken zu konstatierende Verzicht auf die Qualität von Tönen und Intervallen und Rhythmen, das Zerreißen des musikalischen Flusses durch ein bloßes Aneinanderfügen kürzerer Gestaltpartikel, heutiger Mode folgend getrennt durch ständige Pausen – dies führt zu einem Ein­eb­nen von differen­zierter musikalischer Physiognomie. Und Eingeebnetes ist langweilig. Der Salzburg Biennale wäre zu wünschen, Musik zu präsentieren, die im Hörer den Wunsch erweckt, sie wiederzuhören.

Bild: dpk-krie
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