Zuhören statt mitfilmen

FESTSPIELE / SOLISTENKONZERT UCHIDA

25/08/19 Mitsuko Uchida begeisterte mit ihrem so feinsinnigen wie handfesten Zugang zu Franz Schuberts letzten drei Klavier-Sonaten. Ein Marathon so anregend wie herausfordernd zum Mit-Hören wie Mit-Denken. Und offenbar auch zum Fotografieren, zum Mit-Filmen gar.

Von Heidemarie Klabacher

Wie sich Menschen doch aufführen können im Konzert. Dass Künstlerinnen und Künstler beim Schluss-Applaus fotografiert werden, ist längst (von den Veranstaltern geduldete weil ohnehin unvermeidliche?) Praxis. Das Handy-Lichtermeer, das man an Plätzen weiter hinten in der Regel sehen kann, spricht Bände. Ein Erinnerungsfoto, und sei es aus der zwanzigsten Reihe heraus, ist ja auch etwas Schönes.

Dass allerdings mitten im Konzert zwischen zwei Werken aus erster, zweiter und dritter Reihe heraus einer quasi zum Greifen nahen Künstlerin mit Mobiltelefonen direkt ins Gesicht geknipst wird, ist eine neue – und von der Rezensentin bislang noch nicht beobachtete – Form von Distanzlosigkeit. Eine Respektlosigkeit sondergleichen gegenüber der Künstlerin und ihrer künstlerischen Schwerst-Arbeit.

Wir reden immerhin von Interpretationen der Sonaten für Klavier c-Moll D 958 und A-Dur D 959 von Franz Schubert: Zwischen diesen beiden Herausforderungen an Ausführende und Zuhörende wurde von mehreren Personen doch tatsächlich drauflos fotografiert, kaum dass die Künstlerin sich vom Schemel erhoben hatte. Ein besondes feinsinniger Musik- und Schubert-Liebhaber hat nach der Pause dann auch noch die ersten Momente der Wiedergabe der Sonate B-Dur 960 auf Handy-Video gebannt. In den stillen Passagen von D 960 wurde dann nur mehr gehustet.

Frau Uchida hat sich mit der von ihr gewohnten Demut und Bescheidenheit auch vor diesem Publikum verbeugt.

Dabei hätte man gerne der Künstlerin Reverenz erwiesen für ihren Einblick diesen von sanftem Licht und strahlenden Blitzen gleichermaßen erhellten Schubert-Kosmos: Wie brillant und energiegeladen kamen die schnellen Sätze daher, voller Kraft, springend, federnd oft bockig gegen den Strich der Erwartung gebürstet. Wie delikat, da und dort an der Grenze zur Kaum-mehr-Hörbarkeit erweckte Mitsuko Uchida mit den leisen Passagen Bilder von Sternen anderer Galaxien – nicht nur im legendären Andante von D 960.

Da und dort, etwa im Allegro von D 958, wurden solche Silberglöcklein frelich alsbald wieder pulverisiert von Dynamik und Farbe. Des Energienivau in den schnellen Sätzen war atemberaubend. Einer der Höhepunkte war das Rondo von D 959 mit seinen von Mitsuko Uchida geradezu hintergründig beiläufig gestalteten Übergängen zwischen den Blütensaisonen des Themas, das immer wieder zurückkehrte wie eine Erinnerung – und alle Fragen offen ließ.

Bilder: Decca / Justin Pumfrey