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Es klingt als war’s a Engelschar

TOBI REISER ADVENTSINGEN 2015 / RORATE

04/12/15 „Geh doch mit“ oder „Geh weida, geh mid“, möchte man dem Nachtwächter zurufen. Grummelnd hat er die bunte Schar hereingelassen und innerhalb der Stadtmauern von Bethlehem nach dem „Wunder“ suchen lassen. Dieses hat sich inzwischen draußen auf dem Feld ereignet. Ein Hirtenkind will den Nachtwächter zum Mitgehen überreden. „Später vielleicht…“

Von Heidemarie Klabacher

Ist das die bewegendste Szene im „Tobi Reiser Adventsingen 2015“? Die jüngsten  Hirten, die murrend beim Vieh zurück blieben und dafür Augenzeugen des Wunders wurden, sind hinreißend. Einen Hit nach dem anderen landet das gesamte Hirtenkinder-Ensemble, das glasklar textverständlich spricht, musiziert wie die Großen und sich souverän durch die Musikstile singt und spielt, um eine passende Wiegenmusik für das Neugeborene zu finden. Von beinahe archaischer Wirkung ist die Begegnung der jungen Maria mit der alten Elisabeth in der Kantate „Maria ging über’s Gebirge“ von Josef Radauer. Dass die abweisenden Wirte den beiden Herbergssuchenden in Form trutziger Bläserakkorde antworten, ist ein überraschender und wirkungsvoller Kunstgriff. So hat jede der insgesamt acht Spielszenen ihre besonderen Augenblicke.

Episoden aus der Weihnachtsgeschichte und Szenen, basierend auf heimischem Brauchtum, wechseln einander ab. „Rorate“ ist der Titel des von Josef Radauer konzipierten „Tobi Reiser Adventsingens 2015“. Den roten Faden bilden die Erlebnisse des Knechts Bartl und einer kleinen Gruppe hiesiger Bauernkinder: Die gehen gemeinsam frühmorgens in die Rorate-Messe und erleben allerhand. „O mei, die Gebirgler! Jetzt wird’s zünftig“, rufen die Hirten im Heiligen Land, als am Ende auch noch die Bauernkinder mit ihren Instrumenten daherkommen.

Zusammen mit den eingestreuten Mundartgedichten von Walter Müller, gelesen von Peter Pikl, ist die Produktion fast ein wenig textlastig. Dass die Liedtexte nicht selten genau das erzählen, was soeben in der Spielszene über die Bühne gegangen ist (oder umgekehrt) – und das Ganze vom Erzähler womöglich auch noch kommentiert und erklärt wird, ist gelegentlich zuviel des Guten. Ohnehin dauert das Programm zwei Stunden ohne Pause.

Dennoch möchte man weder die Erläuterungen des Erzählers Bartl (Alfred Kröll ist auch der Nachtwächter) missen, noch Walter Müller-Texte wie „Wo geht er hin“ oder „Er hat nur gsogt, geht’s ihr voran“: „Beim Stoi dort hätt’n d’ Engl g’sunga die so Nacht so kloar und sternenreich. Nur, iatzt san die Liada all vaklunga, war i bloß mitganga mit eich“, heißt es nach der Nachtwächterszene. So unprätentiös bodenständige und zugleich aktuelle - und hervorragend gelesene - Mundartgedichte hört man ja auch nicht alle Tage.

Dass rund um das Thema „Herbergssuche“ Anspielungen auf die aktuelle Flüchtlingssituation fallen, versteht sich. Es geschieht aber unaufdringlich und ohne erhobenen Zeigefinger. Auch hier spielt ein Text von Walter Müller eine zentrale Rolle: „Gengan drauflos von do noch durt; ganz ohne Plan, oafoch furt? … Wo kummans her? Wo gengans hi?“ Beinah expressionistisch dieser Text voller innerer und äußerer Unruhe.

Zu sehen ist einiges in der Großen Aula. Zunächst einmal ist das leidige „Garagentor“ im Bühnenhintergrund hinter Arkaden verschwunden! Darüber werden effektvolle „Landschaftsgemälde“ über die gesamte Wand projiziert. Siegwulf Turek, der für Bühnenbild und Lichtregie zeichnet, hat stilisierte alpenländische Gebirgs- oder sanfthügelige Weidelandschaften im Bergland von Judäa geschaffen, aber auch abweisende Trutzburgen und schroffe Felsen.

Szenen-, Bild und Stimmungswechsel passieren in sinnfälliger Übereinstimmung mit der Musik von Tobi und Tobias Reiser und Wilhelm Keller, die bei aller Überlagerung durch Text und Szene ja doch das Herzstück bildet. Von Josef Radauer, dem künstlerischen Leiter des „Tobi Reiser Adventsingens“ und Kontrabassisten des Ensembles, stammen zahlreiche Sätze und Bearbeitungen.

Die Große Aula hat gerade die richtigen Dimensionen und ist auch akustisch durchaus gut geeignet für dieses transparente Musizieren: Nicht genug bekommt man von den ur-musikantisch und doch so fein musizierten „Boarischen“ - mit oder ohne Orgel - des „Tobi Reiser Ensembles“. Von der triumphalen Fanfare über samtweich intonierte Bläserweisen bis zur Nachtwächtermelodie des Mönchs von Salzburg reicht die Klangfarbenpalette der „Pongauer Bläser“.

Von den „Walchschmied Sängern“ und ganz besonders vom „Salzburger Dreigesang“ möchte man viel mehr Lieder hören! Und so elegant und unaufdringlich die Begleitung der Vokalisten durch einzelne Saiteninstrumente auch immer ist – ganz besonders in Erinnerung bleibt der Jodler nach dem Lied „Was is denn heut eigentlich gscheghn“, wenige Takte nur, a capella gesungen vom „Salzburger Dreigesang“.

Tobi Reiser Adventsingen 2015 „Rorate“ - Termine in der Großen Aula bis 13. Dezember - www.tobi-reiser.at
Bilder: Tobi Reiser Adventsingen

 

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